Reicht es aus, wenn die Pizza bio ist? Interview mit Autorin und Aktivistin Thekla Wilkening

Können wir die Welt retten, indem wir Bio-Lebensmittel kaufen und mal auf eine Plastiktüte verzichten? Oder sind unsere Umweltprobleme mittlerweile so überwältigend groß, dass wir als Individuen eigentlich keinen Unterschied machen können? Diese und viele weitere Fragen versucht Autorin, Aktivistin und Circular Fashion Visionärin Thekla Wilkening gemeinsam mit Co-Autor Robin Haring in ihrem Buch “Das Bio-Pizza Dilemma zu beantworten. In einem Interview mit uns erzählt Thekla, was sie beim Nähen eigener Kleidung über die Modeindustrie gelernt hat, was sie dazu motiviert hat, dieses Buch zu schreiben, und dass Nachhaltigkeit viele unterschiedliche Facetten hat. Liebe Thekla, könntest Du Dich bitte vorstellen und uns von Dir und Deinem Job erzählen? 

Hi, ich bin Thekla, 33 Jahre alt und ich lebe seit kurzem am Meer, in Rostock. Von hier aus berate ich verschiedene Firmen, die nachhaltige Mode zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Ich war viele Jahre lang in Hamburg Geschäftsführerin meiner eigenen Firma Kleiderei, dem ersten Mode-Miet-Modell, das es in Deutschland je gab.Im Juli 2021 ist “Das Bio-Pizza Dilemma – Der überraschende Wegweiser zu mehr Nachhaltigkeit”, mein erstes Buch, erschienen.

Was hat Dich dazu motiviert und inspiriert, dieses Buch zu schreiben? 

Ich beschäftigte mich schon sehr lange mit der Frage, ob nachhaltiger Konsum überhaupt möglich ist. Und ob wir als Konsument*innen mit unseren Einkaufsentscheidungen wirklich Einfluss auf die Umwelt- und Klimakrise haben oder ob wir die Welt eher als Bürger*innen retten können. Im Buch beleuchten wir diese verschiedenen Facetten von Möglichkeiten, die wir haben. Es geht um Mode, um Politik, aber auch um Selfcare. 

Was war der Schlüsselpunkt, an dem Du gemerkt hast, dass Du die Modeindustrie, wie sie aktuell ist, in Frage stellen und herausfordern willst? 

Ich war 17 und ich hatte mir schon einige meiner Kleider selbst genäht. Es war die Zeit, in der Sienna Miller, Peaches Geldof und Kate Moss die Modewelt mit kurzen Kleidern, Leggings und Lederjacken dominierten. Vieles davon konnte ich leicht nähen, auch wenn das Nähen immer teurer war, als es beim Filialisten gewesen wäre, wo all die Trends ja immer nach kürzester Zeit schon hingen. Mit meinem Abiballkleid ging es mir dann genauso. Ich hatte so viel Geld in das Material gesteckt und so viele Nächte durchgemacht, um es fertig zu nähen, mir wurde klar, dass die Modeindustrie ihre günstigen Preise nicht auf faire Weise erreichen konnte.  

“Du trägst keine persönliche Schuld an der Umwelt- und Klimakatastrophe” -Thekla Wilkening

Wenn Du es in ein paar Sätzen zusammenfassen müsstest: Was sind die wichtigsten Statements oder Learnings, die Du in Deinem Buch vermittelst? 

Es geht vor allem darum, dass es verschiedene Arten der Nachhaltigkeit gibt. Wir können die richtigen Konsumentscheidungen treffen, indem wir Produkte kaufen, die ökologisch und fair produziert werden. Aber es gibt auch eine soziale Nachhaltigkeit, die sehr wichtig ist. Da geht es darum, dass wir offen und freundlich mit unserem direkten Umfeld umgehen. Und mit uns selbst. Wer sich nicht um sich selbst kümmert, kann sich weder um andere noch um unsere Mutter Erde kümmern. Die dritte Komponente ist der politische Aktivismus. Politik gestaltet unsere Gesellschaft und bestimmt damit auch maßgeblich mit, wie sozial und nachhaltig diese ist. Vor uns liegen die Wahlen, da liegt es in unser aller Verantwortung, eine Regierung zu wählen, die Zukunft denken und umsetzen kann.   

Was möchtest Du Menschen mit auf den Weg geben, die sich von der Komplexität des Nachhaltigkeitsproblems überfordert fühlen? Wie könnte ihnen Dein Buch weiterhelfen? 

Ich denke, das Entscheidende ist, sich einen Bereich zu suchen, in dem wir anfangen. Im ersten Teil des Buches haben wir das “1 x 1 für die Dinnerparty” aufgeschrieben. Da geht es um Fakten, Zusammenhänge, Dinge, die wichtig sind zu verstehen. Danach wechseln wir in die “Entwürfe”. Davon gibt es dreißig Stück. Aus denen kann sich jede*r die aussuchen, die ins eigene Leben passen. Ob Politik, Ernährung, Mode oder das plastikfreie Bad.  

Nachhaltige Mode ist ein riesiges Thema mit vielen verschiedenen Aspekten, die oft nicht so leicht zu navigieren sind. Welche Tipps hast Du für alle, die Fashion und Style feiern, aber gleichzeitig nicht auf Nachhaltigkeit verzichten wollen? 

Ich denke, der nachhaltigste Kleiderschrank ist eine gute Mischung aus It-Pieces oder hochwertigen Basics, geliehen Kleidungsstücken und Pre-Loved Stücken, also Secondhand.  

In Deinem Buch erwähnst Du die Anti-Black-Friday “No Discount on Dreams” Kampagne von Dawn. Warum hast Du genau diese Kampagne als Beispiel gewählt? 

Der Kern der Kampagne ist “Their Dreams Are As Big As Yours”. In der Kampagne geht es ja um die Textilarbeiter*innen, aber grundsätzlich können wir diesen Satz auf alle Menschen in dieser Welt anwenden. Das ist so wichtig, denn erst wenn wir Menschen begreifen, dass wir alle gleichberechtigt sein müssen und jede*r von uns dieselben Träume und Ängste hat, können wir uns wirklich solidarisieren. Und aus dieser Solidarität kann dann eine sozial gerechte Welt entstehen – die die Grundlage für eine nachhaltige Welt ist. Ohne soziale Gerechtigkeit keine Nachhaltigkeit.  

Für viele Unternehmen bezieht sich Nachhaltigkeit hauptsächlich auf die Umwelt. Wie ist es Deiner Meinung nach möglich, die Balance zwischen Umweltthemen und sozialen Themen zu finden?  

Es erfordert Mut und Einsicht. Wesentlich leichter ist natürlich, nachhaltige Materialien zu sourcen, weil dies keinen Systemwandel bedarf. Das ist auch etwas, worüber sich gut sprechen lässt. Zuzugeben, dass 98% der Textilarbeiter*innen keine existenzsichernden Löhne erhalten und das in einer Industrie, die 80 Milliarden Kleidungsstücke im Jahr produziert, tut weh. Und es ist ja nicht nur in der Mode so, es ist ein systemisches Problem, das wir gesellschaftlich haben. Es erfordert Kraft und ist schon fast ein revolutionärer Akt, das anzugehen. Einer, den wir dringend brauchen. Der aber ohne politische Regulierungen nicht möglich sein wird.  

Wenn wir eines aus dieser Pandemie gelernt haben, dann dass Katastrophen nicht zwischen reichen und armen Menschen und Ländern unterscheiden. Das führt uns vor Augen, dass der Klimawandel uns alle betrifft. Denkst Du, dass sich deshalb ab sofort mehr Menschen mit  den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel beschäftigen werden? 

Es gab ja ein kurzes Aufjubeln, weil die CO2-Werte um genau die sieben Prozent sanken, die wir so nötig bräuchten, um die Pariser Klimaziele noch zu erreichen. Aber dann stiegen sie wieder. Ich denke, mittel- bis langfristig auf jeden Fall. Wir alle haben gelernt, dass es wichtigeres gibt als Außenwirkung, Konsum, Wachstum. Auf einmal auf uns selbst zurückgeworfen zu sein, zeigt uns, was wirklich zählt: Ein gesunder Umgang mit sich selbst, den Menschen im engsten Umfeld, mentale Gesundheit. Und das sind eben alles Dinge, die wir uns nicht kaufen können. Mit keinem Geld der Welt. 

Wir bei Dawn glauben daran, dass wir stronger together sind. Deshalb suchen wir nach Kollaborationen mit Künstler:innen und anderen Brands, die ähnliche Werte vertreten. Hast Du Tipps für uns, wie wir sinnstiftende und nachhaltige Kollaborationen umsetzen können? 

Ich glaube, das Entscheidende ist zu zeigen, dass Nachhaltigkeit cool, modern und sexy ist. Es ist wahrscheinlicher, dass sich ein sozialer und nachhaltiger Lebensstil durch Ästhetik als durch Vernunft durchsetzt. Deswegen dürfen Kooperationen Spaß machen, Mut machen, Freude verbreiten. Zeigen, dass das Richtige für die Welt auch das Gute für uns ist. Ich habe mit 19 ein Ehrenamt bei der AIDS-Hilfe in Köln angefangen. In einem der ersten Workshops wurden wir gefragt, warum wir da sind. Wir hatten alle sehr edle Gründe dafür, bis unser Leiter sagte: “Ich hoffe, ihr seid hier, weil es euch gut tut. Denn das ist das Wichtigste.” Ich denke, dass ist das, was wir kommunizieren müssen. Es geht nicht nur darum, die Welt zu retten, es geht auch darum, auf uns selbst aufzupassen.  

Wir lieben dieses Zitat aus Deinem Buch: “Du trägst keine persönliche Schuld an der Umwelt- und Klimakatastrophe”. Denkst Du, wir als Individuen und als Brands können und sollten unsere Schuldgefühle loswerden? 

Ja, weil Schuldgefühle selten zu Wandel führen. Wir können uns einer Verantwortung annehmen, aber diese sollte frei von Schuld sein. Ich denke, ein positives Mindset führt zu Veränderung. Klopfen wir uns auf die Schultern für die positiven Dinge, statt uns für die Dinge, die uns noch nicht gelingen, zu schämen. Jede*r von uns kann seine eigene Nachhaltigkeit finden und diese darf sich – wie die Mode – auch verändern. Entwürfe, wie das aussehen könnte, zeichnen wir im Buch. Da gibt es dann eine große Auswahl. Das klingt vielleicht leichter, als es getan ist, aber der Weg dahin führt letztendlich, wie so oft, über Babysteps. Ja, wir haben keine Zeit mehr und die Umwelt- und Klimakrise zeigt jetzt schon ihre dramatischen Auswirkungen, aber trotzdem. Es geht nicht alles auf einmal. Wenn wir uns das zugestehen, dann wird es richtig losgehen. 

Du findest Thekla genauso inspirierend wie wir? Das Buch "Das Bio-Pizza Dilmma – Der überraschende Wegweiser zu mehr Nachhaltigkeit” ist hier erhältlich.

Wenn du mehr über Thekla erfahren möchtest, schaue gerne hier vorbei:

 

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